Rekonstruktion

 

Rekonstruktion bedeutet die „Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes untergegangener oder nur in wenigen Teilen erhaltener Kulturdenkmäler“ (so wie z.B. die Sprache, ist auch eine Bekleidungsform, in unserem Fall die Tracht, als „Kulturdenkmal“ anzusehen).

Die Altriper Tracht (zu den Trachten der Pfalz gehörend) ist tatsächlich ein „untergegangenes Kulturdenkmal“, denn wir haben nur wenige Hinweise. Wir konnten drei Fotos ausfindig machen und es existiert ein kurzer Text mit sehr rudimentären Angaben zur Altriper Tracht.

Schriftliche Quelle:
„…Interessanter war die Tracht, die, obgleich sie sich im großen und Ganzen an diejenige der umliegenden Dörfer anlehnte, doch durch die erwähnte Abgeschlossenheit des Dorfes länger erhielt und in ihrer Volkstümlichkeit auch viel ausgeprägter und exklusiver erschien. „Mitzel“ und armsdicke „Wörscht“ um die Hüften, „schimmerdaffete“ Schürze und die schmucke, besondere Art der Hauben waren charakteristische, zum Teil recht kleidsame Frauentrachten, namentlich war die weiße Bauernhaube mit fliegenden, langen Seidenbändern, wertvollen weißen Spitzen ein reiches und schönes Kleidungsstück;… Am typischsten waren die Altriper Fischer. Wer sie so dastehen sah in ihren malerischen, reichfaltigen schweren Mänteln, den Dreispitz oder den zerdrückten breitkrämpigen Hut auf dem Kopf, den „Fisch=Hamme“ auf den Schultern,… dem lacht noch heute das Herz im Leibe vor Freude an diesem wackeren, urwüchsigen, gesunden Menschenschlage“.
Provo, Hermann: Altrip – eine kulturhistorische Studie, 1907 /1910, S. 25

Die Bildquellen:


Maria Schweikert,geb. Baumann,
Bild um 1860/70


Eva Katharina Hornig, geb. Hornig
und Jakob Hornig III,
Bild um 1870


Georg Hook, geb. 1816 und seine
2. Frau Anna, geb. Hornig, geb. 1830
(Dieses Bild ist für uns in v.a. wegen des
Herrenmantels und des Halstuches
des Mannes interessant).

Die Quellenlage läßt deutlich werden, dass anhand dieser eine Rekonstruktion aller Trachtenteile nicht möglich gewesen wäre.

 

Es gibt ein Trachtenbuch für die Pfalz, verfasst von Karl-August-Becker aus dem Jahr 1952.

http://www.rpb-rlp.de/107t01022328

Dieses war für uns sehr wertvoll und ließ uns neue Mosaiksteinchen aufstöbern:

BildEs führte uns zunächst nach Neuburg am Rhein; ebenfalls ein protestantisches, von seiner Lage her sehr abgelegenes Fischerdorf, das nach Becker, zum einen noch viele Originaltrachten besitzt, da bis in die 1960er Jahre hier Trachten getragen wurden und dessen Leibchen zum anderen auch ein Hüftpolster hat; allerdings sind an dem Modell hier links die Schößchen ausgestopft, während wir uns nach Provos Beschreibung und nach Beratung durch Jürgen Hohl zu einer sog. „Leiwel-Worscht“ entschlossen. (Rechts: Leibchen aus Neuburg mit ausgestopften Schößchen)

In dem Becker-Buch wird davon berichtet, dass im Archiv des Historischen Museums der Pfalz, Speyer einzelne Trachtenteile zu finden sind.

Dort fanden wir die beiden in unserer schriftlichen Quelle beschriebenen Hüte:

den Dreispitz, der vielerorts und in den unterschiedlichsten Gegenden der Pfalz und darüber hinaus getragen wurde,

und den Nebelsegler, urspr. ein Rund- oder Schäferhut (dieser war nicht hochge-krempt), der auf einer oder auf beiden Seiten mit Bändern hochgekrempt war.

Die im Historischen Museums der Pfalz,  in Speyer entdeckten Männerhüte dienten uns als als Vorlage für die Anfertigung der Männerhüte der Altriper Tracht.

Als Vorlage für das Gilet (Männerweste) diente uns ebenfalls ein Fundstück aus dem Speyerer Archiv:

Ein altes Karmisol (Wams),

wie auch einen alten Mantel konnten wir dort in Augenschein nehmen.

Er wies Mottenlöcher auf, ein für uns günstiger Umstand, weil so das „Innenleben“, eine Stabilisierung mit Rosshaar, erkennbar war.

Ein weiteres, wichtiges Puzzleteil war eine einzige, im Archiv vorhandene schwarze Haube mit fliegenden langen Bändern und Spitzenbesatz, die an die Beschreibung der Haube in der schriftlichen Quelle erinnerte. An ihr orientierten wir uns in Machart und Material für unsere Haube.

Außerdem finden sich im Archiv des Speyrer Landesmusuems noch etliche, mit kleinsten Perlchen bestickte Strümpfe und Handschuhe,

sowie die Umbindetaschen (Einstecktaschen), die unter der Schürze getragen wurden und die wir uns für die Rekonstruktion der Altriper Tracht zum Vorbild nahmen:

Viele Hinweise und Tipps bekamen wir auch von dem Trachtenexperten Jürgen Hohl, der nicht nur auf den schwäbisch-alemanischen Raum spezialisiert ist, sondern ein unerschöpfliches Wissen über Trachten, bzw, „Volkskleidung“ und ihre Geschichte auf Lager hat.

Wie man an diesem kurzen Abriss unserer Recherche bereits erkennt, war die Rekonstruktion der Altriper Tracht ein langes, über drei Jahre (von 2000 bis 2003) dauerndes – Zusammensuchen von Puzzleteilchen.
Das Ergebnis war das Ausstaffieren von zwei Schaufensterpuppen mit der rekonstruierten Altriper Tracht.

Unsere Rekonstruktion haben wir dokumentiert in der Schrift:
Nebelsegler und Schlijenhauben.

Altrip, Pfalz, Kurpfalz, Deutschland

 

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